Kategorie: Staat und Religion (Seite 1 von 4)

Gebet und Meditation

Morgenlektüre in der U-Bahn und etwas gelernt über den Unterschied zwischen Beten und Meditieren. Und warum das eine in nach Selbstverwirklichung strebenden Kreisen so beliebt ist.

Lorenz Jäger schreibt in „Ausfahrt der bösen Geister“ über die erneute Verhaftung Verena Beckers. Sie steht unter dem Verdacht, den von der RAF entführten Siegfried Buback erschossen zu haben:

Nach Presseberichten waren für die Verhaftung auch Notizen von Belang, in denen sich Verena Becker fragte, ob sie für Buback beten und wie sie sich mit dem Thema Schuld auseinandersetzen solle.

Wie schief und lächerlich wäre es doch gewesen, hätte sie etwa angegeben, für Buback meditieren zu wollen.

Wer solche Theologen hat

Aus dem Freitag von letzter Woche:

Die Erkenntnis der modernen Hirnforschung ist, dass unsere geistigen Leistungen die Folge von neuronalen Prozessen sind. Die Erkenntnis des Naturgesetzes, dass jede Kommunikation mit dem Austausch von Energie verbunden ist, widerspricht der Vorstellung eines „Heiligen Geistes“ als immaterieller Entität, die von außen mit dem menschlichen Gehirn kommunizieren könne. Insofern sind die durch die Kirchengeschichte präsenten Bilder zu schlicht, wonach das Wirken des Heiligen Geistes die Entscheidungen von Kirchenfunktionären und Kirchenversammlungen bestimme.

Aus diesem Wissen heraus muss auch das Bild von der „Offenbarung“ Gottes neu gedeutet werden. Der Theologe Othmar Keel formuliert es so: „Psychologisch kann man die entscheidenden Momente als intuitiv kreative Akte, religiös als Offenbarungen verstehen.“ So gedeutet können das auch Naturwissenschaftler akzeptieren.

In dem Artikel geht es um die Frage, ob der Kreuzestod Jesu nun ein Opfertod war oder nicht. Ich verstehe zu wenig von Theologie, um da mitreden zu können.

Dagegen macht mich der Satz „So gedeutet können das auch Naturwissenschaftler akzeptieren.“ sehr nachdenklich.

Religiös darf also nur noch wahr sein, was Naturwissenschaftler akzeptieren? Wie soll das funktionieren?

Die Hirnforschung als aktuelle Hype-Wissenschaft muss natürlich auch dabei sein. Vor zehn Jahren wäre es wohl die Genforschung gewesen. Und noch davor galt als nahezu sicher, dass der Mensch nur von der Gesellschaft geformt wird.

Wie können solche Theologen überhaupt noch das Glaubensbekenntnis sprechen? Da stimmt dann doch hinten und vorne nichts mehr. Es zu ändern, wäre die logische Konsequenz.

Aktuell müsste es dann wohl heißen: „Ich glaube an die feuernden Neuronen, die Synapsen und die Neurotransmitter“?

Kirchen mit  solchen Theologen brauchen keine Atheisten mit Buskampagnen, um überflüssig zu sein.

Zweifel II

Ich zweifle ja schon an meinem Atheismus oder genauer: Agnostizismus.

Aber dann kommt mir so etwas wie die Wundertätige Medaille ins Browserfenster. 

Ein Stück Blech, das wunderbare Dinge bewirken soll? Muss ich das wirklich glauben? Und eine Hasenpfote bringt mir dann auch Glück?

Wie ernst wird so etwas in katholischen Kreisen genommen? Bei Radio Horeb gab es heute eine Sendung dazu. Und der Sender wird immerhin vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofkonferenz empfohlen.

Welche Helfer fallen ist egal

Manchmal sind es eher die Randereignisse, die mir klarmachen, dass ich immer noch in der richtigen Partei bin.

Franz Müntefering zum Buch „Helfer fallen nicht vom Himmel“, in dem auf die eine oder andere Weise gesagt wird, Helfen allein reiche nicht, erst die richtige spirituelle Motivation mache eine runde Sache daraus:

Aber den Hungrigen ist es egal, muss es egal sein, ob sie eine wertrationale oder eine zweckrationale Schüssel Reis bekommen. Ein Medikament von einem Katholiken oder von einem Agnostiker. Oder ein tröstliches Gespräch. Da schwingt mir zu sehr der Gerechte mit, der richtig helfen will und wo der Arme schnell zum Mittel zum Zweck wird. Ein hartes Wort, ich weiß.

Es gibt eben kein richtiges und falsches Helfen. Entscheiden ist, um einmal Altkanzler Kohl zu zitieren, was hinten rauskommt.

Herausgeber des Buches ist Paul Josef Kardinal Cordes. Verspürt die katholische Kirche zu viel Rückenwind in letzter Zeit, wenn sie jetzt die Motive nichtreligiöser Helfer als minderwertig denunziert?

(Quelle ist ein Artikel von Christian Geyer in der FAZ vom 2.6.2008. Ich würde auch einen Link setzen, wenn der Text der frei verfügbar wäre.)

Videos bei Youtube: Teil1, Teil2

Zweifel

Heute vor drei Jahren starb Papst Johannes Paul II.

Erstaunlich, dass ich hier darüber schreibe. Vor fünf Jahren bin ich aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Ich hatte einige Jahre brav Kirchensteuer gezahlt, wenn auch ohne Überzeugung. Hundertprozentiger Atheist war ich noch nicht geworden, trotzdem sollte endlich eine Entscheidung her, ein für alle Mal: gläubig oder nicht?

Ich trat aus, auch wegen des Geldes. Noch auf der Behörde war ich unsicher, aber ich hatte mich nun schon einmal auf den Weg gemacht, nun brachte ich es auch zu Ende.

Und es passierte ja auch nichts, wirklich nichts. Die Kirche hätte ja wenigstens noch einen Brief schreiben können, in dem sie ihr Bedauern ausdrückt?

Ich war trotzdem erleichtert und wollte mich von nun an nicht mehr um das Thema kümmern.

Pustekuchen. Spätestens seit dem Tod Johannes Pauls II. ist das Thema wieder da. Und auch der Wahl Benedicts. Als feststand, dass ein neuer Papst gewählt war, stieg ich gerade aus der U-Bahn-Station herauf und auf dem Weg nach Hause läuteten die Glocken der kleinen katholischen Kirche in der Straße hinter unserem Haus. Und ich ging schneller als sonst nach Hause und schaltete den Fernseher ein.

Eingetreten bin ich immer noch nicht wieder – weder in meine alte Kirche, noch in die katholische. Als gläubig würde ich mich auch immer noch nicht bezeichnen. Aber ich zweifle wieder an meinem Atheismus und verfolge aufmerksam, was in der Kirche passiert.

Manches erstaunt mich. Der katholische Religionslehrer, für den alles nur symbolisch ist. Ein Schützenverein hat auch Symbole, beansprucht aber keinen Sitz in den Ethikkommissionen dieser Republik.

Der, ja, ich muss es so nennen, Hass, den einige in meinem Freundeskreis auf die katholische Kirche haben, erschreckt mich. Ein Eintritt in die Kirche, zumal die katholische, wäre ein soziales Experiment.

Glaubte ich an Zeichen, hätte der Rosenkranz, den ich beim letzten Gräueljulklapp „gewonnen“ habe, mich sicher schon längst in die Kirche gebracht.

Die Frage ist wieder offen und eine Entscheidung muss langsam fallen. Ich will sie nicht erst in der sprichwörtlichen letzten Sekunde fällen. Keine Ahnung, was das jetzt genau heißt.

Noch mehr Nazi-Vergleiche

Hier kommt vielleicht nach der Debatte um Eva Herman die nächste Debatte um tatsächliche oder angenommene Vergleiche mit dem Nationalsozialismus.

Ursache diesmal: ein scharfer Angriff von Claudia Roth, Vorsitzende der Grünen, auf den Augsburger Bischof Mixa. Er hatte mit seinen Äußerungen zur Familienpolitik der Bundesregierung die Krippenverfechter provoziert.

Roth nannte Mixa deshalb jetzt einen „durchgeknallten, spalterischen Oberfundi“.

Der Öffentlichkeitsreferent der Diözese Augsburg, Dr. Dirk Hermann Voß, antwortete ebenso scharf:

Die Wortwahl von Frau Roth gegenüber Bischof Dr. Walter Mixa erinnert in erschreckender Weise an die Propaganda-Hetze der National-Sozialisten gegen die Katholische Kirche und ihre Repräsentanten. Die verbalen persönlichen Attacken von Frau Roth gegen Vertreter der Kirche und ihr permanenter Versuch, sich selbst zur Zensurbehörde der gesellschaftspolitischen Diskussion in Deutschland zu machen, trägt seit langem schon beunruhigende faschistoide Züge.

Da ist er also wieder, der böse Vergleich mit dem Nationalsozialismus. Wer ihn bringt, verliert, heißt es ja. Eine solche Gleichsetzung beendet auf jeden Fall jede sachliche Debatte.

Voß hätte den Vergleich mit dem Nationalsozialismus besser unterlassen. Das war nicht klug. Statt „faschistoid“ hätte „totalitär“ Frau Roths Haltung besser getroffen. Wer jeden, der die Familienpolitik der Grünen nicht gutheißt, zum Spalter und Fundamentalisten erklärt, ist totalitär. Und wen soll Mixa eigentlich spalten? Die grüne Einheitsgesellschaft? Dabei will doch selbst Frau Roth laut SZ die Wahlfreiheit für Familien. Mixa sagt, mit einem Quasi-Zwang zur Kinderkrippe würden die Eltern nur für den Arbeitsmarkt verfügbar gemacht und hätten keine Wahlfreiheit. Das könnte auch eine linke Sicht sein.

Bei der letzten Wahl habe ich noch grün gewählt.

Notiz an mich selbst: Nachforschen über die Geschichte der Kirchen unter Hitler.

Ungläubige – Gläubige 11:7

Die Wirtschaftsprüferkammer in Hamburg bestellte gestern neue Wirtschaftsprüfer. Ich konnte als Begleitung einer der glücklichen Kandidaten dabei sein.

Die zukünftigen Wirtschaftsprüfer leisteten einen Eid. Sie konnten ihn mit Gottesformel („So wahr mir Gott helfe…“) oder ohne Gottesformel ablegen.

Ich habe vorher getippt, wie das Verhältnis „mit Gottesformel“ zu „ohne Gottesformel“ wohl sein würde. Meine Vermutung: Zwei Drittel würden mit Gottesformel schwören.

Es kam anders: Sieben schworen mit, elf Wirtschaftsprüfer ohne Gottesformel.

Aufstand der Ungläubigen fast ohne Ungläubige

Die ARD gibt für die heute Abend laufende Sendung „Menschen bei Maischberger“ die Gästeliste bekannt:

– Witta Pohl – schloss einen Pakt mit Gott

– Bischof Gebhard Fürst – Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart

– Gabriele Kuby – zum Katholizismus konvertierte Esoterikerin

– Asiye Köhler – Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland, Frau des Zentralratsvorsitzenden Ayyub Axel Köhler

Was ist wohl das Thema? Die viel beschworene Rückkehr der Religionen? Gut möglich, die zwei anderen Gäste könnten aus Gründen der Ausgewogenheit (wir sind bei den Öffentlich-Rechtlichen) eingeladen sein, nämlich:

– Michael Schmidt-Salomon – Vorstandsprecher der atheistischen Giordano-Bruno-Stiftung

– Paul Schulz – Der frühere evangelische Pfarrer sagt heute von sich, er sei Atheist.

Ungläubiger Blick aufs Thema: „Aufstand der Ungläubigen: Keine Macht für Gott!“

Wie? Was? Das Thema sollen die Ungläubigen sein und dann sind nur zwei von ihnen zu Gast? Und vier Gläubige? Sind die beiden Atheisten so gut, dass ihre Kontrahenten nur in Überzahl mit ihnen klarkommen?

Ein oder zwei Gläubige wären in Ordnung, Ausgewogenheit muss ja sein, aber in dieser Runde hätte ich mir andere interessante Gäste gewünscht.

Wie wäre es mit Janosch gewesen? Eine religionskritische Zeichnung des Kinderbuchautors hat kürzlich Herrn Stoiber dazu veranlasst, aus dem Tigerentenclub auszutreten. Und die Bücher Janoschs sollen nach Meinung von Herrn Stoiber aus den Kindergärten verschwinden.

Oder einen Vertreter des Zentralrat der Ex-Muslime? Dessen Mitglieder riskieren mit ihrem Bekenntnis auch in Deutschland, von Islamisten bedroht  und verfolgt zu werden.

Grimms Märchen

Aus dem Nachwort (PDF) zur zweiten Auflage des „Manifest des Evolutionären Humanismus“:

Wie weit die christliche Dogmen- bzw. Selbstverleugnung dabei gehen kann, zeigte kürzlich ein Vortrag eines Verantwortlichen der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. Dieser versuchte, die im Manifest des evolutionären Humanismus entwickelte Christentumskritik durch einen saloppen Vergleich auf die Schippe zu nehmen: Wer die Bibel heute noch so wortgetreu auslege wie der Autor des Manifests, meinte der EZW-Experte, der verhalte sich ähnlich naiv, wie jemand, der nach der Lektüre von „Hänsel und Gretel“ aufgeregt beim Jugendamt anrufe. Eine schöne Pointe gewiss, doch eines schien der EZW-Experte bei dieser humorigen Attacke völlig übersehen zu haben, nämlich dass er mit diesem Vergleich die Bibel (unfreiwillig?) auf eine Stufe mit „Grimms Märchen“ stellte. Ohne Frage: Einem religionskritischen Freidenker würde eine solche Position gut zu Gesichte stehen, nicht jedoch einem offiziellen Repräsentanten der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD).

Die EKD ist aber keine Institution der wortgetreuen Bibelauslegung. Es ist sehr einfach, Religionskritik auf dieser Basis zu üben. Im Alten Testament finden sich genug Stellen, über die man sich heute als Religionskritiker lustig machen oder sich empören kann, wenn man sie wörtlich auslegt. So weit geht der Hinweis des EZW-Verantwortlichen in die richtige Richtung.

Sollte die EKD aber tatsächlich meinen, die Bibel stünde auf einer Stufe mit „Grimms Märchen“, müsste sie sich schleunigst selbst auflösen. Denn warum sollte ausgerechnet Jesus dann keine Märchenfigur wie der gute Prinz in Dörnröschen sein?

Die unsichtbaren Protestanten

Der Papst hat Geburtstag und alle schreiben darüber. Nicht einmal die ärgsten Gegner können ihn noch totschweigen. Jetzt hat sogar der Spiegel – nicht gerade als vatikanfreundlich bekannt – eine Papstkolumne eingerichtet. Und an seinem Erscheinungstag schlägt das Ratzinger-Buch über Jesus sogar Harry Potter bei den Buchverkäufen.

Die Protestanten tun mir als ehemaligem Mitglied fast schon leid. Keiner nimmt sie mehr ernst. Sie haben ja auch kaum noch Selbstbewusstsein. Sie quengeln, wenn der Papst sie bei einem Deutschlandbesuch nicht einlädt (Luther dreht sich in Grab herum!) Sie beklagen sich, weil die Katholiken bei der Einheitsübersetzung der Bibel nicht auf die Mitsprache Roms verzichten wollen und stattdessen lieber getrennt übersetzen. Luther wäre das sicher egal.

Protestanten fallen vor allem dadurch auf, dass sie ihren Glauben selbst nicht mehr ernst nehmen. Wie sonst wäre der Versuch zu erklären, aus einem der größten Geschichtswerke der Menschheit eine politisch korrekte Soziologen-Version zu machen? (Luther dreht sich schon wieder im Grab herum.)

Ich will gerecht sein: Die katholische Kirche passt einfach zum Leitmedium Fernsehen. Die Meldungen lassen sich immer wieder auf eine Person zurückführen. Der Papst ist eine ähnlich gute Medienfigur wie die Queen. Und auf Inszenierungen versteht sich der Vatikan auch. Dagegen sind die Protestanten dröge Buchstabenfresser ;-)

So sah es auch in der Tagesschau am Abend des Ostersonntags aus: ein Filmbericht über die Feierlichkeiten in Rom, dann ein Filmbericht über die Feierlichkeiten in Deutschland mit Kardinal Lehmann und noch ein Filmbericht über die orthodoxe Kirche. Irgendwo dazwischen verlas die Sprecherin drei Sätze von Bischof Huber, ohne Film, nur mit einem (fernsehtechnisch gesehen langweiligen) Foto des Bischofs.

Was soll aus ihnen werden?