Liebe Julia,

du hast in meinem Weblog einen Kommentar geschrieben. Es geht um das Thema Kopftuchverbot an Schulen.

Du hast dazu zwei Dinge gesagt: Dass es wichtiger sei, sich um die wirklich großen Probleme zu kümmern, z. B. den Kampf gegen Hunger und Armut. Und dass es gut sein, dass Kinder möglichst viele Kulturen kennen lernen. Deshalb, sagst du, bist du gegen ein Kopftuchverbot.

Das sind zwei verschiedene Dinge, aber ich glaube, sie haben etwas miteinander zu tun.

Jeder sollte so leben, wie er will. Das Grundgesetz garantiert uns Freiheiten, z. B. die Religionsfreiheit. Eine Frau, die ein Kopftuch tragen will, soll es tun: In der Wohnung, auf der Straße, wo auch immer. Nur in der Schule nicht, denn dort steht sie nicht für sich allein, sondern für den Staat und die ganze Gesellschaft.

Tragen denn die meisten Frauen die Kopftücher freiwillig? Ich glaube nicht. In Hamburg sehe ich viele Frauen mit Kopftuch. Viele von ihnen tragen auch im Hochsommer einen Mantel. Freiwillig?

Auch du hast in der letzten Zeit vielleicht den einen oder anderen Bericht über Zwangsehen und Ehrenmorde in Deutschland gelesen oder gesehen. Nicht alle Frauen in Deutschland können die Rechte nutzen, die im Grundgesetz stehen. Welches Recht im Grundgesetz ist wichtiger: Die Religionsfreiheit (der Vater besteht aus religiösen Gründen darauf, den Ehemann für seine Tochter auszusuchen) oder das Recht seiner Tochter, ihr Leben so zu leben, wie sie will? Du kannst entscheiden, in welchen Beruf du arbeiten möchtest und ob du heiraten willst und wenn ja, wen. Alle Mädchen können das nicht.

Denken wir uns ein Mädchen. Es ist intelligent und gut in der Schule. Es möchte einmal Medizin studieren. Aber sie weiß auch, dass ihr Vater es nicht erlauben wird. Sie soll sofort nach der Schule heiraten. Ihr Vater den Mann schon ausgesucht. Damit die Ehre des Mädchens nicht beschmutzt wird, muss sie ein Kopftuch tragen, darf beim Sport nicht mitmachen und muss auch abends immer zu Hause bleiben. Auf Klassenfahrten darf es auch nicht mit.

Eine Hoffnung hat das Mädchen: In der Schule hat es gelernt, dass in Deutschland niemand gezwungen werden kann zu heiraten. Und dass eine Erwachsene so leben darf, wie sie will: Studieren, heiraten oder auch nicht und in einem Beruf arbeiten, den sie ausgesucht hat.

Seit einiger Zeit sind an ihrer Schule auch Lehrerinnen, die Kopftücher tragen. Manchmal sagt sie ihrem Vater, dass sie kein Kopftuch tragen will. Ihr Vater sagt dann zu ihr, dass ihre Lehrerin an der Schule ja auch Kopftuch trägt. Also finden es doch wohl auch die Deutschen richtig, dass manche Frauen (die deutschen natürlich nicht!) Kopftuch tragen müssen. Sie muss weiter ein Kopftuch tragen. Und sie hat gelernt: Auch Deutsche finden es richtig, dass sie ein Kopftuch tragen muss. Und diese Deutschen werden es dann wohl auch richtig finden, dass sie den Mann heiratet, den ihr Vater für sie ausgesucht hat. Das Grundgesetz gilt eben wohl doch nur für Deutsche, denkt sie sich.

Das Mädchen gibt auf, heiratet den Mann, den ihr Vater ausgesucht hat und verschwendet ihre Fähigkeiten an die Hausarbeit.

Und da sind wir beim zweiten Thema: Armut und Entwicklung. In vielen armen Gesellschaften gelten solche Traditionen noch sehr viel. Aber wie soll eine Gesellschaft sich gut entwickeln, die die Hälfte der Bevölkerung vom Leben ausschließt? In der Tradition alles bedeutet, Veränderung aber nur Gefahr? Das ist sicherlich nicht der einzige Grund für Armut und Hunger, aber ein Teil des Problems ist es bestimmt.

Andere Kulturen machen die Welt interessant und sie kennen zu lernen ist sicherlich spannend. Aber Kulturen, in denen nicht einmal die einfachsten Menschenrechte gelten, sollten sich ändern. Solche Kulturen will ich auch nicht tolerieren.

1 Comment

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  1. mein lieber andreas ich bin total fasziniert von ihrer meinung…
    ihr treuer fan

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