Jahr: 2010

Ach, Freitag…

Ich bin Abonnent des Freitag seit es ihn gibt und noch länger, ich habe schon den west­deutschen Vor­gänger, die Volks­zeitung, gelesen.

Für seine Literatur­kritik hatte der alte Freitag trotz seiner geringen Verbreitung vor einigen Jahren noch einen Preis bekommen. Nun feuert der Freitag seinen lang­jährigen Literatur- und Feuilleton­redakteur Ingo Arend.

Jakob Augstein, Besitzer des Freitag, will die Literatur­kritik im Freitag kürzen und dafür das Ressort Wissen weiter ausbauen. Klar, damit beschäftigt sich ja sonst auch niemand.

Ich lese seit der Umgestaltung unter Augstein nicht mehr viel vom Freitag.

Kein Wunder, dass ich von dieser Neuigkeit nicht aus dem Freitag (der Papier­ausgabe) oder auf Freitag.de (dem Internet­auftritt), sondern auf Schnee­schmelze, dem Blog von Jürgen Fenn, erfahren habe.

Und dann schreibt Michael Angele ausgerechnet heute im Freitag über „Die Leiden des Zeitungs­süchtigen“. Ich hatte zwischendurch zwei Tages- und Wochenzeitungen im Abo, oft genug habe ich noch andere hinzu­gekauft. Ich bin also wohl so ein Zeitungs­süchtiger.

In Zeitungen will ich Text, Text, Text, gern als Blei­wüste beschimpft. Fotos sind – die Foto­grafen mögen mir verzeihen – immer nur Beiwerk.

Ich lese halbwegs bewusst seit einem Viertel­jahrhundert Zeitungen. Die Blei­wüsten sind nach und nach verschwunden. Die Zeitungen sind heute „luftiger“ mit viel Weiß auf den Seiten und großen Fotos. Schriften und der Zeilen­abstand sind größer geworden. Es steht weniger Text auf der Seite. Mehr Seiten sind es selten geworden. Wenn ein Becher Joghurt bei gleicher Becher­größe mehr Luft und weniger Joghurt enthält, nennt man das eine Mogel­packung. Und der Freitag wird immer mehr dazu: Schnell durchgeblättert, wenige Artikel, die ich wirklich lesen will, viel Luft – und damit meine ich nicht nur Weißraum.

Ich glaube nicht, dass der Freitag die nächsten fünf Jahre überleben wird. Schade, denn dann bleibt nur noch die Zeit. Und mit der konnte ich noch nie etwas anfangen.

Oh weh! Das Internet und mein Denken

Die FAZ lässt diskutieren, wie das Internet uns verändert.

In den Artikeln steht auch ein Verweis auf eine Leserumfrage „Wie hat das Internet ihr Denken verändert?

Ich finde dort eine Reihe von Kommentaren, geschriebene Texte, richtig ausformuliert!

Und unruhig wandert mein Blick über die Seite: Wo ist denn hier die Umfrage, mit den zuspitzenden Fragen, zum Anklicken, klack, klack, fertig?

Dann die unangenehme Erkenntnis: Die wollen, dass ich wirklich etwas schreibe! Selbst formuliere! Und ich bin doch längst schon zum Klickvieh zugerichtet. Hat das Internet das mit mir angerichtet? Oder liegt es nur daran, dass ich von den Webseiten der Alten Medien nicht anderes erwarte als billige Klickgeneratoren aka Umfrage aka Bildergalerien?

Wohnprojekt, Zustand des Atheismus, Bücher

Gute Nachrichten für unser Wohnprojekt: Die Bezirksversammlung Nord will jetzt Wohnungen im ehemaligen Gymnasium Uhlenhorst-Barmbek. (Quelle: hh-heute, Barmbeker Gymnasium: Jetzt Wohnungen)

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Wenn bei Heise eine Meldung über die Kirche und den Papst erscheint wird es – je nach Gemütslage des Forenlesers – lustig oder traurig. Wenn die Diskussionen im Heiseforum den Stand des Atheismus darstellen, können im Vatikan die Sektkorken knallen (wenn man da denn Sekt trinkt). Sind das dieselben Leute, die im letzten Jahr noch kraftvoll gegen jede Internetzensur gekämpft haben?

Obwohl: Schon kurz vor der Bundestagswahl hat mich der Heise-Mob davon abgehalten, die Piratenpartei zu wählen.

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Gelesen: Cormac McCarthy, Die Straße – schon im Januar der Kandidat für das Buch des Jahres.

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Aktuelles Buch: Klaus Berger, Wie kann Gott Leid und Katastrophen zulassen? – Haiti sollte dazu Anlass genug sein.

Winter, Hartz IV, Papst, Schmidt

Vogelhaus im Garten meiner Eltern

Vogelhaus im Garten meiner Eltern

Ja, es gibt ihn noch, den Winter. Anderswo sorgt er für Überstunden, bei meinen Eltern nur für dicken Zucker im Garten. Wir sind am Sonntag gut zurückgekommen, auch weil der Lokführer heroisch auf freier Strecke das Dach seiner Lok erklommen und den defekten Stromabnehmer ausgetauscht hat. Das war es dann auch schon mit der befürchteten Katastrophe. Naja, für uns, die wir in Hamburg aussteigen konnten. Für die anderen fuhren ein paar Züge nicht.

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Die Zeitung mir den vier großen Buchstaben titelt heute: „Hartz IV – so holen Sie das meiste Geld raus!“

Dann noch Hartz IV: Von der Leyen stellt Reformen in Aussicht.

Viagra-Kalle und Florida-Rolf sind vergessen?

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Sagt Joseph Kardinal Ratzinger [Papst Benedikt XVI.] hier wirklich, dass alle Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod nur ein Ersatz für den nicht kurzfristig zurückgekehrten Christus ist?

Die christliche Theologie, die alsbald vor dieser Diskrepanz von Erwartung und Erfüllung stand, hat aus dem Reich Gottes im Laufe der Zeit ein Himmelreich gemacht, das im Jenseits ist; aus dem Heil der Menschen wurde das Seelenheil, das sich wiederum im Jenseits, nach dem Tode, zuträgt

(via Evangelium Tag für Tag)

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Arno Schmidts „Steinernes Herz“ beendet. Sage noch einer, das Schicksal der Vertriebenen, besonders das der Frauen, sei in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik nicht vorgekommen. Aber Schmidt passte halt nicht in das Klima der Restauration. Etwas arg plumper Atheismus.

Klimawandelatheismus

Bei aller Abneigung gegen die Klimawandelhysterie und ihre religionsartigen Auswüchse: Bloß weil es jetzt einmal ein bisschen schneit, ist die Erwärmung nicht abgesagt. Ein kalter Winter (haben wir überhaupt einen besonders kalten Winter?) macht genauso wenig eine Abkühlung wie ein heißer Sommer eine Erwärmung. Ein wenig Ahnung von der Physik komplexer Systeme (vulgo: Chaostheorie) würde schon helfen, liebe „Klimaskeptiker“ von der Achse des Guten. Man bleibt glaubwürdig, wenn man sich nicht auf Stammtischniveau begibt und Anklickmeinungsumfragen im Netz als Maßstab zur Ermittlung der Wahrheit nimmt.

Dieser ganze Klimawandelatheismus macht die ansonsten erfrischend proamerikanische, proisraelische und liberale Achse des Guten reichlich unglaubwürdig.

(Wieder) mehr Zensur, zu früh, frustrierter Journalist

Da dreht schon wieder jemand am Rad der Zensur: Jugendmedienschützer sollen sich um Social Networks und Zugangsprovider kümmern (Heise). Diese Passage klingt nach Deutschlandnet statt Internet:

Ein weiteres Zulassungskriterium in dem Entwurf sieht vor, dem Nutzer die Wahl zu lassen, ob er „unvermeidbare Zugangsbeschränkungen“ beim Zugriff aus ausländische Angebote in Kauf nehmen will.

„Unvermeidbare Zugangsbeschränkungen“ – der erste Kandidat für das Unwort des Jahres 2010?

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Paul Thurrott weist darauf hin, dass Microsoft schon 2002 einen Tablet-PC auf dem Markt hatte. Sie waren wohl damals genauso zu früh damit wie Apple seinerzeit mit dem Newton.

Dennoch wird Apple wieder einmal die Lorbeeren einstreichen und als innovative Firma dastehen.

Apple hat die Medien voll unter Kontrolle, sogar die Lecks kontrolliert Apple selber. Walt Mossberg könnte ebenso gut als Journalist wie als von Apple bezahlter PR-Mann durchgehen.

Was nicht heißt, dass die Produkte schlecht sind. Apple macht es ja meistens nahezu perfekt, auch durch den Verzicht auf zu viele Features. Es bleibt spannend.

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Paul Thurrott ist eine tragische Figur. Er hat sich als Journalist auf alles rund um Microsoft spezialisiert, aber Microsoft ist nicht mehr sexy. Wann haben die Käufer das letzte Mal wegen eines Microsoftprodukts die Läden gestürmt und Schlange gestanden? War das für Windows 95? Oder doch noch XP?

An vielen Bemerkungen in Windows Weekly und besonders an seinem Bericht über die Keynote von Steve Ballmer auf der CES merkt man, wie frustrierend es ist, über den „Verlierer“ berichten zu müssen.

Es sieht so aus, als ob Microsoft den privaten Endkundenmarkt schon aufgegeben hätte. Vielleicht werden wir Microsoft bald nur noch im Unternehmensmarkt sehen. Dort kann man Geld verdienen und die Produkte sind nicht schlecht. Langeweile ist in der Unternehmens-EDV eher ein Plus.

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Mit einer Kabel-Deutschland-Triple-Play-Kundin telefoniert. Italien (0039 40… im Display) ist um die Ecke und Echos ohne Ende gab’s dazu.

Balkanisierung des Internets

Seesmic kauft ping.fm. Was macht ping.fm?

You can now update 50 social networks using Seesmic+Ping.fm from email, chat, sms, Blackberry, Android, web, Windows, OSX and much more soon.

Das ist die Balkanisierung des Internet. Lauter kleine Grüppchen, die jede für sich ihren Staat oder hier: ihr eigenes geschlossenes Netzwerk haben wollen. Schön mit Zaun drum herum. Ganz wie früher. Und dann brauche ich wieder besondere Dienste, die alle diese kleinen Inseln wieder zusammenbringen. Zu Zeiten von Compuserve, AOL und Mailboxen kam auch so ein Werkzeug. Es nannte sich Internet und riss die Zäune mit diversen offenen Protokollen nieder.

Die andere Art der Balkanisierung sind die immer häufiger auftauchenden Meldungen, die mir sagen, dass der Inhalt dieser Webseite leider nicht für „mein“ Land verfügbar sei. Diese Mauern zieht meist das Urheberrecht. Dabei bin ich doch nur Internetnutzer.

Bibel der Atheisten

Weiter im „Steinernen Herzen“. H. sagte gestern Abend, das „Steinerne Herz“ sei so etwas wie die Bibel der Atheisten. Und meinte das – wie so manches – wohl nicht so ganz ernst. Er könnte aber recht haben, denn so lässt Schmidt sein Alter Ego Walter Eggers sprechen:

»Erlauben Sie mir, ein System abzulehnen, das unter anderen fundamentalen Institutionen auch ein Super-KZ vorsieht !« (Der ihre ‹Ewige Hölle› ! : welches Verbrechen, das Menschen überhaupt begehen können, wäre so groß, daß es ‹ewig› bestraft werden müßte ? ! Wenn überhaupt Einer rein gehört, ist es Gott : wegen seiner feinen Schöpfung !)

»Gott verflucht Adam : Warum ? : Weil er Obst gegessen hat ! ! : das muß sich einer mal vorstellen !«. Ich bummelte entrüstet hinter moi her, und raus ausm Schloß : iss ja unsagbar traurig !

Oft genug scheint mir Schmidt aber doch an einen Gott zu glauben, wenn auch an keinen guten. Man lese „Leviathan“.

Schmidt twittert, noch ein Vorsatz, Großprojekt

Bahnlektüre: Arno Schmidt, Das steinerne Herz

Arno Schmidt in kleinen Dosen bei Twitter. 140 Zeichen – genug für den großen Wortkonzentrator.

Der Arno-Schmidt-Unterkreis im Literaturkreis Hamburg trifft sich am 12. Januar nach langer Zeit wieder und sucht noch neue Mitleser. Bei Interesse bitte Kommentar hinterlassen oder per E-Mail melden. 

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Und ja, das ist auch ein Vorsatz für 2010: Die Literaturkreisseite aktuell halten.

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Manchmal habe ich die Hoffnung auf ehrgeizige Projekte aus Europa ja schon aufgegeben. Muss nicht sein:

Neun Länder fördern mit dem ehrgeizigsten Energieprojekt seiner Art erneuerbare Energien. Tausende Kilometer Hightech-Kabel sollen den Windstrom aus der Nordsee in weite Teile des Kontinents liefern.

Siehe: Windparks für Europas Strom

Vorsätze, Passiv, ein Trauerfall, Fremdwort

Ein Vorsatz fürs neue Jahr ist: Nach dem Weckerklingeln nicht mehr ewig im Bett liegen und dann gehetzt losstürmen, rechtzeitig aufstehen. Einigermaßen hingekriegt, Zeit im Bad vertrödelt ;-) Also als Frühstück doch wieder nur einen Kaffee auf dem Weg.

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So kann man sich im Passiv verheddern: Kann man mündig gemacht werden? Margot Käßmann, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, in einen Gespräch mit epd:

Das Kirchenvolk soll mündig gemacht werden.

Das klingt doch sehr nach Bevormundung, auch wenn Frau Käßmann es wahrscheinlich nicht so gemeint hat.

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Ein Namensvetter muss gestorben sein. Heute kamen mehrere Besucher über Suchmaschinenanfragen nach meinem Namen ergänzt mit „Trauerfeier“ oder „Beerdigung“ auf meine Seite. Mein Beileid.

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Papyrus‚ Rechtschreibkontrolle warnt mich davor, dass „evangelisch“ ein Fremdwort/Fachausdruck sei. Versteht wohl nicht mehr jeder …

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Und nun zum Tango …