Ach, Freitag…

Ich bin Abonnent des Freitag seit es ihn gibt und noch länger, ich habe schon den west­deutschen Vor­gänger, die Volks­zeitung, gelesen.

Für seine Literatur­kritik hatte der alte Freitag trotz seiner geringen Verbreitung vor einigen Jahren noch einen Preis bekommen. Nun feuert der Freitag seinen lang­jährigen Literatur- und Feuilleton­redakteur Ingo Arend.

Jakob Augstein, Besitzer des Freitag, will die Literatur­kritik im Freitag kürzen und dafür das Ressort Wissen weiter ausbauen. Klar, damit beschäftigt sich ja sonst auch niemand.

Ich lese seit der Umgestaltung unter Augstein nicht mehr viel vom Freitag.

Kein Wunder, dass ich von dieser Neuigkeit nicht aus dem Freitag (der Papier­ausgabe) oder auf Freitag.de (dem Internet­auftritt), sondern auf Schnee­schmelze, dem Blog von Jürgen Fenn, erfahren habe.

Und dann schreibt Michael Angele ausgerechnet heute im Freitag über „Die Leiden des Zeitungs­süchtigen“. Ich hatte zwischendurch zwei Tages- und Wochenzeitungen im Abo, oft genug habe ich noch andere hinzu­gekauft. Ich bin also wohl so ein Zeitungs­süchtiger.

In Zeitungen will ich Text, Text, Text, gern als Blei­wüste beschimpft. Fotos sind – die Foto­grafen mögen mir verzeihen – immer nur Beiwerk.

Ich lese halbwegs bewusst seit einem Viertel­jahrhundert Zeitungen. Die Blei­wüsten sind nach und nach verschwunden. Die Zeitungen sind heute „luftiger“ mit viel Weiß auf den Seiten und großen Fotos. Schriften und der Zeilen­abstand sind größer geworden. Es steht weniger Text auf der Seite. Mehr Seiten sind es selten geworden. Wenn ein Becher Joghurt bei gleicher Becher­größe mehr Luft und weniger Joghurt enthält, nennt man das eine Mogel­packung. Und der Freitag wird immer mehr dazu: Schnell durchgeblättert, wenige Artikel, die ich wirklich lesen will, viel Luft – und damit meine ich nicht nur Weißraum.

Ich glaube nicht, dass der Freitag die nächsten fünf Jahre überleben wird. Schade, denn dann bleibt nur noch die Zeit. Und mit der konnte ich noch nie etwas anfangen.

6 Comments

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  1. Sehr sympathisch, sehr realistisch. Der Freitag kann zeitgeistig werden oder eben widerspenstig bleiben.

  2. Ich lese zwar auch Zeitungen, aber eher selektiv. Den Freitag, muß ich gestehen, habe ich mir noch nie näher angeschaut. Aber nach dem, was Du schreibst, lohnt es vielleicht gar nicht mehr.

  3. @rainer kühn:

    Der Freitag von heute erinnert mich sehr an „Die Woche“, die zu ihrer Zeit gescheitert ist.

    Aber vielleicht bin ich doch zu pessimistisch für den Freitag.

    Der Zeitgeist macht ja gerade eine große Wende nach links. Einige Akteure aus CDU und SPD erkennt man inzwischen ja kaum wieder: Gestern noch neoliberal bis zum geht nicht mehr, heute schon fast linkssozialdemokratisch.

    Da passt der Freitag inzwischen rein. Nur werden Zeit und Spiegel diese Wende auch vollziehen.

  4. @scipio:

    Ich glaube der Freitag wäre für dich eine ebensolche Herausforderung wie für mich die Tagespost, als ich sie durch dein Blog entdeckte. Inzwischen gehört sie zu den unregelmäßig, aber immer wieder gelesenen Zeitungen. Online, gegen Geld übrigens, was ja auch immer ein Thema ist.

    Es ist auch eine alte enttäuschte Liebe. Und nicht nur zum Freitag, sondern auch zu dem, was man mal als „links“ bezeichnete. Ich zögere heute sehr, mich noch als links zu bezeichnen, da gibt es inzwischen zu viel Dissens.

  5. Ich finde „Die Zeit“ nicht so schlecht. Dass der Zeitgeist nach links driftet, sehe ich sowohl in der aktuellen politischen Diskussion als auch in meinem Umfeld nicht so richtig. Es gibt also keinen Grund zur Verzweifelung :-)

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