Er ist wieder da!

Dieser Text entstand für eine Festschrift zum 100. Geburtstag Arno Schmidts am 18. Januar 2014. Die Festschrift wird es nur auf Papier geben, meinen Text auch hier online.


Kling!

((((––––)))) – (((––––)))

Kling!

((–––*)) – (––??)

KLING! KLING!

(–?!!)

Halb im Schlaf öffnete ich die Tür.

Vor der Tür: Er. Grüne Lederjacke, Halbglatze, runde große Hornbrille. So dick, wie es wieder modern war.

„Gucken Sie nicht so! Sie sollten mich wohl kennen!“

„-?! – Gewiss, Herr Schmidt, es ist mir eine Ehre meinen Lieblingsschrift…“

„Papperlapap! Habe keine Zeit zu verschwenden! Vierundzwanzig Stunden darf ich oben sein! Sie kennen meine ‚Tina‘?“

„Aber ja, ich…“

„Gut, dann ist also klar, wo ich herkomme.“

„Von unten aus dem Elysium? Das ewige Leben? Also, so lange wenigstens wie ihr Name noch gedruckt oben irgendwo zu finden ist?“

„Ja, ja, fürchterlicher Ort. Umkommen vor Langeweile würde man, wenn’s nur ginge! Wo ist ihr Rechner? Ich brauche ihre Hilfe bei diesem Inter —“

„Internet? Auch schon bei ihnen unten im Elysium?“

„Unsinn! Genauso wenig wie Bücher, Schallplatten, nichts, was unsere Namen konserviert! Alle warten sehnsüchtig auf den Augenblick, in dem der eigene Name nirgends mehr gedruckt ist. Endlich sich aus der Langeweile ins Nichts auflösen!“

Er rückte sich die Brille zurecht. Angestrengter Blick auf den Monitor. Die Augen wurden im Elysium wohl nicht besser!?

„Dieses Twitter da, was soll das sein? Überhaupt! Was für ein Wort!?“

Ich eifrig: „Kurze Nachrichten. Höchstens 140 Zeichen. Schärfste Wortkonzentrate würden Sie wohl sagen. Und der Name: Eine Neubildung von ‚tweet‘, also zwitschern. Ganz wie Sie ja auch immer neue Worte gebildet haben.“

„Jetzt darf wohl jeder schreiben und meinen, er sei ein Genie wie ich? Zu meiner Zeit gab es nur ganz wenige Kulturträger. Genau: Die dritte Wurzel aus der Zahl der Nutzer dieses Internet. Und das sind die Leser! Und noch einmal die dritte Wurzel ergibt die Zahl der Kulturerzeuger. Also diejenigen, die schreiben sollten. Der Rest sollte sich mit einer 100-Stunden-Arbeitswoche betäuben! Hat sich das etwa geändert? Ist die Welt besser geworden?“

„!?“

„Dachte ich mir!“

„Aber warum interessiert Sie das überhaupt, wenn Sie da unten im Elysium kein Internet haben?“

„Oppermanns Schuld! Er war schon fast vergessen, kurz davor, endlich seine Existenz aufgeben zu können.“

„Und Sie haben ihn in Ihrem Funkessay wieder ausgegraben.“

„Glauben Sie, dass hat Spaß gemacht!? Nur von den Kulturerzeugern kann ja niemand leben. Ham’ ja alle nüscht! Geld war für die Wertvollsten einer Generation nie da. Ja, Waffen, dafür ham’ sie‛s! Und dann schusterklappert man eben was zusammen, ohne viel Nachdenken. Für’n Rundfunk, Nachtprogramm.“

„Heut’ wär’s einfacher! Einmal Wikipedia aufrufen, einmal zu Google – und dann fleißig zusammenkopieren. Fertig ist das Kulturstückchen!“

„Wie … Was?“

„Wikipedia. Eine große Enzyklopädie im Internet. Jeder schreibt sein Wissen hinein.“

„Sicher eine verfluchte Kakophonie. N’ unordentliches Buch.“

„Und der Oppermann?“

„Schäumt vor Wut! Hätte ich gewusst…“

„Hätte, hätte, Fahrradkette!“ – Gegenwartslyrik kann nie schaden! Wegen ihm hatte ich mich durch den Oppermann gequält! ‚Hundert Jahre‘ – gefühlt 200 Jahre Lesezeit!

Er lächelte denn auch gequält ob der Politikerpoesie.

„Sie twittern ja auch!“, ich, boshaft.

„?“

Arno Schmidt auf Twitter

Die Arno-Schmidt-Stiftung twittert Zitate des Meisters

„Hier: @ASchmidt_Zitate – da zwitschert eine Stiftung in ihrem Namen regel­mäßig Zitate aus ihren Werken. Und dann noch die Gesell­schaft der Arno-Schmidt-Leser, die vielen be­geisterten Leser, die immer wieder bloggen, die …“

„Be­geisterte Leser! Schlimmeres kann einem Autor in dieser Welt nicht passieren!“

„Und was ist jetzt mit dem Inter­net im Elysium?“

„Das will der Opper­mann jetzt auch erfassen. Er leitet die ‚Zentral­stelle zur Re­gistrierung von Autoren­erwähnungen‘. So lange der Name eines Autors noch irgendwo in diesem Inter­net steht, dauert der Aufenthalt im Elysium. Das soll registriert werden. Und der Opper­mann hat’s mir aufgebrummt, aus Rache! Meinte, ich könne ohne Zettel­kästen doch gar nicht leben. Da müsse es mir doch eine Freude sein, das Internet zu durchforsten und jede Erwähnung in die Kartei einzutragen.“

„Kartei?“

„Ja, Papier. Heute wird ja jeder und alles verlegt und der Autor landet am Ende entsetzt bei uns. Zu viele! Kein Geld mehr! Man gönnt uns nichts. Nur einen Rechner in der Zentralstelle.“

„Na, dann haben sie wenigstens was zu tun statt aufs Verlöschen zu warten.“

„Wie lange hält denn so ein elektrisch …? – gedruckter Name?“

„Na, das kann dauern. Nicht dass jemand sich die alten Daten auf seinen Datenträgern anguckt. Aber man weiß ja nie! Und zack! Sind sie auf die neue Festplatte, den neuen Rechner kopiert. Liegen dort ein paar Jahre und landen dann genauso ungelesen auf dem nächsten neuen System. Und aus dem Internet wird alles kopiert, retweetet, verbloggt! Das hört nie auf!“

Sein Gesicht wurde gleich totenähnlicher, grau, eingefallen.

„Und wir da unten hofften, es sei jetzt schneller vorbei! Alles so schön flüchtig! Ohne dies zäh-haltbare Papier!“

„Tja…“

„Nun, ich muss weiter, nach Bargfeld, ein paar Bücher und Manuskripte verbrennen.“

Beim Hinausgehen: ungnädiger Blick aufs Bücherregal.

„Dritte Wurzel! Sie sind eindeutig nicht dabei! Einfach wegwerfen, die Schinken, am besten verbrennen! Ja, auch meine! Sie ersparen sich viel unnütze Mühe und uns da unten ein zu langes Leben.“

„Danke für den Besuch, Herr Schmidt!“

Zurück an die Tastatur und meine Pseudonyme ändern. Nicht dass mein Name noch ewig gespeichert bleibt! Aber dann: Gleich etwas über ihn schreiben. Ein wenig Zeit gönne ich ihm ja noch da unten.

Bin ich ein böser Mensch?

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1 Comment

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  1. ja, ganz schön geistreich, habe ich nicht gedacht von Dir. Trockener Humor.
    Ein bisschen langatmig, für meine Begriffe muss man sich sehr bemühen um den Text weiterzulesen. Nicht für Eilige wie mich gedacht. Wahrscheinlich muss man sehr viel Interesse für Arno mitbringen. Hmm, was soll es bringen? Was hat er in der Geschichte bewirkt dieser Arno, war er nicht ein Einzelgänger? Ist es nicht so dass er sich nicht anpassen konnte?

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