Die eigentliche Aufregung dürfte schon wieder vorbei sein, aber mich entsetzt der Umgang mit Eva Herman.

Hier wird doch wohl mit Kanonen auf einen Spatzen geschossen? Die „Eva Herman ist ein Nazi“-Fraktion macht sich selbst schuldig: Sie verharmlost den Nationalsozialismus. (Nebenbei: Diesem Satz ging ursprünglich eine Distanzierung von Hermans familienpolitischen Ansichten voran. Gestrichen. Es geht hier um den Umgang mit einer engagierten Frau. Ihre familienpolitischen Ansichten spielen dabei keine Rolle. Und meine Meinung dazu noch viel weniger.)

Hermans Gegnern ist offensichtlich jedes Mittel recht, um ihre familienpolischen ihre Thesen zu verunglimpfen. Kerner und alle seine Gäste wollten Herman missverstehen. Aus jedem ihrer Sätze hat man versucht, ihr einen Strick in Richtung Nazis zu drehen.

Zugestanden: Die ursprüngliche Formulierung auf der Pressekonferenz ging daneben. Der Sinn war nicht klar. Aber sie hat doch wohl oft genug gesagt, was sie meinte. Auch bei Kerner. Ihrer Meinung nach haben der Missbrauch von Familie und Mutterrolle in der Nazipropaganda die 68er dazu veranlasst, gleich das Kind mit dem Bade auszuschütten und alle Werte über Bord zu werfen.

Kurz: Sie wirft Nazis und 68ern die Zerstörung von Familienwerten vor.

Das ist doch nicht so schwer zu verstehen?

Senta Berger hat sich blamiert. Sie fragte Herman, wie alt sie denn zur 68er-Zeit gewesen sei? Eva Herman war damals zehn. Mit derselben Frage haben sicherlich auch die Eltern und Großeltern der 68er Nachfragen zur Nazi-Vergangenheit abgebügelt: „Kind, das verstehst du nicht, du warst nicht dabei.“ Vertauschte Rollen?

Rechtsextreme Parteien versuchen nun, aus dem Unterschied zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung zu Herman Nutzen zu ziehen. Sie loben Herman und vergessen dabei ihr Engagement gegen Neonazis. Aus dem Lob der Nazis versuchte Kerner, ihr einen Strick zu drehen. Billiger Trick. In den Programmen von NSDAP und NPD finden sich genügend Sätze, die auch in den Programmen anderer Parteien stehen.

Und dann die Autobahn! Hier konnten sich alle so richtig empören, die einfach nicht zugehört hatten. Herman kritisierte die Medien als „gleichgeschaltet“. Der anwesende Historiker warf Herman daraufhin vor, sie hätte erneut ganz eindeutig einen Nazibegriff verwendet. Herman verteidigte sich zu Recht damit, der Begriff werde von allen Medien regelmäßig verwendet (wer es nicht glaubt: In welchem Zusammenhang benutzt die TAZ den Begriff „Gleichschaltung“?).

Was hat Kerner von Herman erwartet? Dass sie ihre Thesen komplett widerruft? Seit wann fliegt man aus einer Talkshow, wenn man nicht die gewünschten Antworten gibt?

Das ist schon so etwas wie eine Rufmordkampagne. Die Stadt Schleswig hat eine Lesung mit Herman abgesagt.