Datum: 3. September 2005

Wer braucht den Spiegel?

Warum startet der Spiegel alberne, an den Haaren herbeigezogene Kampagnen?

Als ich vor Jahren bei den JUSOS aktiv wurde (wie man so schön sagte), war der Spiegel praktisch Pflichtlektüre. Nicht, weil er uns Jung-Sozis nach dem Mund geschrieben hätte. Nein, montags setzte der Spiegel einfach die Themen des Tages, wenn nicht der nächsten Woche.

Was hat der Spiegel nicht alles aufgedeckt: Barschel-Affäre, Flick, Neue Heimat…

Und er hatte einen Herausgeber, der für die Pressefreiheit ins Gefängnis ging.

Und heute? Ob ich den Spiegel lese oder nicht, spielt keine Rolle, denn der Spiegel spielt keine Rolle mehr. Er deckt nicht mehr auf. Zimmert nur noch mühsam Geschichten zusammen, predigt Neoliberalismus. Oder macht in Kampagnenjournalismus, möglichst in trauter Eintracht mit der gleichgeschalteten Springer-Presse und der FAZ, wie zuletzt zum Thema Rechtschreibreform.

Der Spiegel ist so wichtig oder unwichtig wie jede andere Zeitung auch.

Wenn gar nichts mehr hilft, bastelt sich der Spiegel eben selbst einen Skandal. So wie die Trittin-Geschichte. Dann stellt er die ganze Geschichte noch in die englische Version des Angebots, denn man möchte ja weltweit gelesen werden. Dazu noch ein paar E-Mails von amerikanischen Stammtischen, die dann belegen sollen, welch großen Einfluß der Spiegel doch hat.

Der Spiegel ist überflüssig. In den USA decken Blogger bereits Skandale auf. Lange wird es nicht mehr dauern, dass auch der Spiegel der Schreibwut der Blogger nur noch hinterherlaufen wird. Recherchiert wird ja schon heute fast nur noch mit Google. Auch wenn die Story dann so geschrieben ist, als ob vor Ort recherchiert worden wäre. Das kann ich auch selber.

Deutscher Wahlkampf mit amerikanischen Flutopfern

Der Spiegel, oder besser dessen Chefredakteur Stefan Aust, hat etwas gegen alternative Energien. Und er nutzt den Spiegel auch, um private Auseinandersetzungen zu führen.

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass wir in zwei Wochen eine Regierung haben, die genauso wenig von Erneuerbaren Energien hält.

Da wollte der Spiegel wohl ein wenig Wahlkampfhilfe leisten. Und drischt mit dem an den Haaren herbeigezogenen Vorwurf auf Umweltminister Trittin ein, er zeige kein Mitleid mit den Opfern der Flutkatastrophe in New Orleans. Er habe nämlich in einem Kommentar für die Frankfurter Rundschau auf die schon am Boden liegenden Opfer eingetreten. Als der Kommentar entstand, schien es aber so, als ob die große Katastrophe ausgeblieben wäre. Selbst einen Tag nachdem Trittins Kommentar in der FR erschien, schrieb Spiegel Online:

Die Angst vor Zerstörung war groß, doch trotz fliegender Trümmer und überfluteter Straßen blieb New Orleans das Schlimmste erspart. Die Menschen feiern ihr Überleben nach Südstaaten-Art: mit einem Drink in ihrer Lieblingsbar.

Wie gut, dass es inzwischen Weblogs gibt. Bei Lautgeben wird schön auseinander genommen (englische Übersetzung), wie der Spiegel die Kampagne führt. Und bei Industrial Technology & Witchcraft wird noch einmal darauf hingewiesen, was Spiegel Online-Chef Mathias Müller von Blumencron von Weblogs hält. Kein Wunder, dass er sie nicht mag, denn wer sieht schon gerne die eigene Berichterstattung an den Pranger gestellt.

Heute nimmt Trittin in einen Interview in der Frankfurter Rundschau noch einmal Stellung zu den Vorwürfen. Auf den Vorwurf, in seinem ersten Beitrag in der FR zeige er kein Mitgefühl, entgegnet Trittin:

Mein Beitrag beschäftigte sich doch genau damit, wie Elend verhindert werden kann. Noch einmal: Ich hätte sicher andere Fragestellungen in den Vordergrund gestellt, wenn am Montag, als der Beitrag geschrieben wurde, das Ausmaß der Katastrophe schon absehbar gewesen wäre. Fast alle Kommentare in den Dienstagszeitungen sind von der Einschätzung ausgegangen, New Orleans sei vom Schlimmsten verschont geblieben, was sich erst danach leider als falsch erwies.

Die Frankfurter Rundschau selbst nimmt auch noch einmal in einem Kommentar Stellung:

Was wäre das für ein deutscher Wahlkampf, der nicht noch aus dem verheerendsten Hurrikan einen Sturm im Wasserglas machte. Der Umweltminister schreibt Kritisches über die US-Klimaschutzpolitik, was ja nun seines Amtes ist, geht aber – das Ausmaß der Katastrophe ist an diesem Tag noch unklar – weder ausdrücklich noch ausführlich auf das Leiden der Opfer ein. Die Opposition wittert prompt „Zynismus“ und würde Jürgen Trittin gern „sofort rausschmeißen“. Natürlich hat der Minister ein Recht, darauf wiederum zu antworten (Seite 4). Aber wenn die Politik, welcher Farbe auch immer, nicht aufpasst, macht sie sich kollektiv des Zynismus schuldig, indem sie an der wirklichen Dimension des Ereignisses vorbei diskutiert.

Vor vielen Jahren las ich den Spiegel wirklich gern. Stefan Aust hat ihn zur Bild-Zeitung mit längeren Sätzen gemacht. Es wird Zeit, den Spiegel zu ignorieren.